STRESS Apropos:
Stress – gibt es so etwas wie Erste
Hilfe für den Alltag?
Ja, die gibt es durchaus!
Stress entsteht ja aus dem, was
wir erleben bzw. wahrnehmen und dem, wie wir diese Wahrnehmungen bewerten. Diese
Bewertung erfolgt im Wesentlichen nicht über unser bewusstes und rationales
Denken, sondern über tiefergelegene, entwicklungsgeschichtlich ältere
Hirnregionen, die unseren rationalen Überlegungen und Bemühungen nicht ohne
weiteres zugänglich sind. Jeder hat es für sich schon ausprobiert: Sich zu sagen „Stell dich nicht so an“, „Reiß dich zusammen“, „Mach dir nichts draus“ hilft in der akuten Belastungssituation nur wenig oder gar nicht. Wir brauchen also andere Möglichkeiten
als den direkten rationalen Zugang, um unsere Stress - Situationen zu
beeinflussen. Stress bzw. die Stress - erzeugende Bewertung unserer Wahrnehmung hängt von mehreren Faktoren ab:
Doch nun zur einleitenden Frage, wie können Erste Hilfe Maßnahmen bei
Stress - Reaktionen aussehen? Wichtig ist 1. mit dem Bewusstsein ins Hier und Jetzt zu kommen, das geht am zuverlässigsten über die Beobachtung des eigenen Atems. Atmen tun wir ein Leben lang, ununterbrochen, darauf können wir zu jeder Zeit und in jeder Lebenslage zurückgreifen, also: Lenken Sie ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Atem.
Tun
Sie zunächst nichts weiter, als Ihren Atem zu beobachten, so wie er im Moment
gerade ist.
Bei
der Beobachtung ihres Atems können Sie sich vorstellen, in der Tiefe Ihres
Bauchs läge ein schöner großer Naturschwamm vor Ihrer Wirbelsäule. Beim
Ausatmen drücken Sie diesen Schwamm mit der Bauchdecke sanft gegen die Wirbelsäule,
drücken ihn aus. 2. Reinlassen – Loslassen - Seinlassen
Bei
dieser Atemübung machen Sie nach dem Ausatmen eine ganz kleine Atempause. 2. Kommen Sie mit dem Bewusstsein ins Hier und Jetzt - über Ihre Sinneswahrnehmungen: Unsere
5 Sinne – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen –
sind die zweite wunderbare Brücke in die Gegenwart. Lenken
Sie ihr Bewusstsein auf Ihre sinnlichen Wahrnehmungen, jetzt gerade in diesem
Moment (sinnliche Wahrnehmungen geht wie atmen, immer nur im Jetzt, in der
Gegenwart!).
Den
Raum betrachten bedeutet ,den Blick weich und entspannt machen, nichts fixieren,
so als wollten Sie die Sie umgebende Luft mit den Blicken streicheln. Nur der
Sie umgebende Raum ist ewig, alle Gegenstände in Ihrem Blickfeld werden eines
Tages, wenn auch vielleicht erst in ferner Zukunft, nicht mehr existieren, aber
der Sie umgebende Raum existiert weiter. Dieser weiche Blick auf den Raum hat
eine sehr entspannende Qualität. Er kann auch systematisch eingeübt werden,
z.B. durch das Betrachten so genannter 3D-Bilder.
Weitere
Informationen dazu finden Sie auch in dem sehr interessanten Buch „Die Tafeln
von Chatres“ von George Pennington.
Lauschen Sie!
Was hören Sie gerade in ihrer Umgebung? Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit für
zwei, drei Atemzüge auf die vorhandenen Umgebungsgeräusche. Unser Gehör ist
ja – glücklicherweise – in der Lage Nebengeräusche abzufiltern, so dass
wir viele Alltagsgeräusche normalerweise nicht bewusst wahrnehmen. Wenn Sie in
Ihrem Alltag einmal bewusst lauschen, werden Sie vielleicht überrascht sein über
die vorhandene Vielfalt an Hintergrundgeräuschen. Lauschen Sie und atmen
Sie. Das können Sie in stressigen Situationen einfach so in der
Situation tun, wenn Sie in Ihrem Alltag eine
kleine Pause einlegen können, gibt es auch wunderbare Entspannungs-CDs, die
Ihnen über das Hören in 10 oder 15 Minuten helfen, in eine tiefe, erholsame
Entspannung zu kommen.
Empfehlenswert
sind dabei z.B. die CDs von Arnd Stein.
Schnuppern Sie! Nehmen
Sie wahr, was Ihre Nase in diesem Moment gerade riecht.
Es
gibt ja durchaus Säugetiere, die mit feineren Geruchswerkzeugen ausgestattet
sind als wir Menschen, also vielleicht benötigen Sie im Alltags - Stress für
das Riechen ein kleines Hilfsmittel, etwas woran Sie riechen können. Unauffällig,
auch in Gegenwart anderer Menschen können Sie an den eigenen Fingern oder am
eigenen Handgelenk schnuppern, also wenn Sie das mögen, benutzen sie ein Parfüm,
das Ihnen gut gefällt, tragen es auf das Handgelenk auf, dann haben Sie einen
Ort, an dem Sie zwischendurch schnuppern können. Auch ein Taschentuch lässt
sich parfümieren. Wenn es Ihnen in Ihrem Alltag möglich ist, besorgen Sie sich
ein „Riechfläschen“. Wählen Sie ein oder zwei Düfte, die Ihnen gut
gefallen, die Sie gerne mögen. Da gibt es heutzutage an Duftstoffen wirklich für
jede Nase etwas. Tropfen Sie einen Tropfen Ihres Lieblingsentspannungsduftes auf
Ihr Handgelenk (Innenseite), auf ein Taschentuch, manche Duftstoffe kann man
auch mit dem Finger unter die Nase reiben oder auftupfen, und schnuppern Sie während
ein oder zwei Atemzügen.
Unser
Riechhirn ist ein sehr alter Teil des Gehirnes. Wenn Sie für sich einen schönen,
Ihnen angenehmen und Sie entspannenden Duft gefunden haben, kann es Wunder
wirken und auch ihre Stimmung an einem stressigen Tag schlagartig verbessern.
Wenn
Sie Zeit für eine kleine Pause haben, vielleicht die Augen entspannen und eine
Entspannungs-CD hören, können Sie dazu auch eine Duftlampe verwenden und sich
auf diese Weise von ihrem Entspannungsduft einhüllen lassen.
Schmecken Sie! Dafür
können Sie zunächst einfach so Ihre Aufmerksamkeit auf den Geschmack, den Sie
in Ihrem Mund haben, lenken. Sehr hilfreich ist es aber, etwas in den Mund zu
nehmen, am besten zunächst einen Schluck Wasser (reichlich Wasser trinken ist
ohnehin sehr wichtig für ein gutes Stress - Management, doch davon an anderer
Stelle). Also nehmen Sie einen Schluck Wasser in den Mund und schmecken ganz
bewusst den Geschmack des Wassers. Mit ein bisschen Übung werden Sie erstaunt
sein, wie unterschiedlich Wasser schmecken kann! Ihre Zunge wird sich gewürdigt
fühlen, und Ihre zunehmende geschmackliche Differenzierungsfähigkeit wird
Ihnen neue Genüsse bescheren. Wenn Sie dem Schmecken bisher eher wenig
Aufmerksamkeit gezollt haben, kann es sein, dass für Sie zu Anfang gröbere
geschmackliche Reize als die von einen Schluck Wasser hilfreicher sind.
Fühlen Sie! Hier
geht es wie gesagt um fühlen als Sinneswahrnehmung, nicht um Ihre gefühlsmäßige
Befindlichkeit, also nicht darum, ob Sie gerade traurig sind, vergnügt sind,
sich ärgerlich oder genervt fühlen, sondern darum, was spüren Sie gerade in
diesem Moment mit Ihrem Körper? Haben Sie Kontakt zum Boden? Wenn Sie irgendwo
sitzen, spüren Sie die Auflagefläche Ihres Körpers auf dem Sitz, Ihre Fußsohlen
am Boden, ein enges Kleidungsstück? Gehen Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit für
einige Atemzüge zu Ihren Körpergefühlen. Spüren Sie irgendwo in Ihrem Körper
Ihren Herzschlag? Ist irgendwo ein Schmerz zu spüren, eine Anspannung oder
Verspannung? Tun Sie nichts dagegen, sondern spüren Sie einfach das, was da
ist. Atem Sie. Wandern Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit, wenn es die Situation
erlaubt, durch Ihren Körper und bemerken Sie, was sie wahrnehmen. Wenn Sie Zeit
für eine keine Entspannungspause haben, können Sie mit geschlossenen Augen für
einige Minuten systematisch von den Füßen bis zum Scheitel durch Ihren Körper
wandern und spüren. Wenn das nicht möglich ist, können Sie immer die Bewegung
Ihres Brustkorbes und Ihres Bauches beim Ein- und Ausatmen für einen kurzen
Moment beobachten. Das bewusste Wahrnehmen des Atems und der Sinnesqualitäten sind also die allerersten Erste Hilfe Maßnahmen gegen Stress – in jeder Situation, jederzeit einsetzbar, auch ohne vorheriges Üben.
Allerdings
wird es so sein: Wenn Sie dies hier nur lesen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass
diese Hinweise Ihnen in einer stressigen Situation auch einfallen, nicht so sehr
hoch. Sehr hilfreich wäre es, wenn Sie die Bewusstseinslenkung auf den Atem und
auf die Sinneswahrnehmung, gelegentlich in entspannten Situationen schon mal ein
bisschen üben, dann wird es stressigen Situationen einfach wahrscheinlicher,
dass Sie auf den Gedanken kommen „da gab´s doch irgend so etwas mit Atem
...?“ Außer diesen Erste Hilfe Maßnahmen bei Stress gibt es natürlich weitere sinnvolle und sehr wirkungsvolle Möglichkeiten, den eigenen Umgang mit potentiell stressigen Situationen zu verbessern. Möglichkeiten, mit denen wir hier in der Habichtswaldklinik intensiv und erfolgreich arbeiten, und die wir sorgfältig anleiten, die dann ein Stück mehr Einübung zur wirkungsvollen Anwendung benötigen. Davon soll in einem späteren Artikel die Rede sein. Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit
Ihre
Tilla Fischer
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unsere Chefärztin im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.
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